v.l.n.r.: Louis Smith, Alexander Schemel, Leander Peters
Interview mit Leander Peters von Sizeless
Sizeless stellt eine einfache Frage, die bisher kaum jemand gestellt hat: Warum wachsen Kinderschuhe nicht mit, obwohl Kinderfüße es ständig tun? Das Kölner Start-up entwickelt einen verstellbaren Kinderschuh, der mehrere Größen abdeckt und dabei Komfort, Fußgesundheit und Langlebigkeit miteinander verbindet. Im Interview sprechen die Gründer über die Idee hinter Sizeless, die Herausforderungen bei der Entwicklung eines „mitwachsenden“ Schuhs und darüber, was passieren müsste, damit nachhaltiger Konsum im Alltag von Familien wirklich funktioniert.
Idee und Motivation
Was hat euch inspiriert, einen mitwachsenden Kinderschuh zu entwickeln?
Leander Peters: In Kurzfassung: das überwältigend eindeutige Feedback der Eltern.
Alex und ich haben 2022 an einer „Innovation Challenge“ einer bekannten Sportmarke teilgenommen, die nach neuen Ansätzen im Kids-Bereich suchte. Da Familienplanung für die beiden damals noch in weiter Ferne lag, hieß es: Raus auf die Straße!
Es war gerade Vorweihnachtszeit, und die Kölner Weihnachtsmärkte boten die perfekte Gelegenheit, mit vielen Familien ins Gespräch zu kommen. Auf die simple Frage, was die größten Herausforderungen beim Shoppen für Kinder sind, kam für uns unerwartet einstimmig die Antwort: „Die Kids wachsen so schnell – insbesondere Schuhe müssen wir alle paar Monate neu kaufen.“
Das ist nicht nur zeitaufwendig und kostspielig, sondern auch kaum online zu bewältigen, da sich Kinderfüße ständig verändern und viele Modelle ohne Anprobe einfach nicht passen. Aus diesen Gesprächen nahmen wir die Vision eines größenverstellbaren, flexiblen Kinderschuhs mit, der Eltern, Kinder und sogar den Planeten entlastet, indem er deutlich länger hält als bisherige Modelle.
Warum habt ihr euch entschieden,Sizeless als UG in NRW zu gründen? Welche Vorteile bietet euch der Standort und die gewählte Unternehmensform?
Leander Peters: NRW ist die Geburtsstätte von Sizeless. Hier sind wir tief im Start-up-Ökosystem vernetzt: Alex und ich haben beide in Köln studiert und direkt nach dem Gewinn der Challenge am universitätseigenen Inkubator (Stars Kader) teilgenommen. Seitdem haben wir uns immer wieder Unterstützung durch das inzwischen sehr starke Gateway-Exzellenz-Start-up-Zentrum geholt und partizipieren dort aktiv.
Ein entscheidender Standortvorteil ist zudem unsere Anbindung an das Institut für Biomechanik und Orthopädie der Deutschen Sporthochschule Köln. Hier profitiert unser Team vom Mentoring durch Dr. Jan Goldman (erfahrener Biomechaniker), der die nötige Expertise rund um das Thema Kinderfüße einbringt – eine Grundvoraussetzung für eine fundierte Kinderschuhentwicklung.
Mit dem Gründungsstipendium.NRW planen wir zudem gerade eine (Teil-)Anschlussfinanzierung nach Ablauf unserer aktuellen Förderung, mit exist. Wir glauben fest an das hier ansässige und zunehmend erstarkende Ökosystem, sind inzwischen aber auch deutschlandweit in der Gründerszene vernetzt. Wir sind überzeugt, dass ein gründungsstarkes NRW dem gesamten Innovationsstandort zugutekommt.
Technologie und Innovation
Auf welcher technologischen Grundlage basiert euer mitwachsender Kinderschuh? Was unterscheidet euren Ansatz von bestehenden Lösungen am Markt?
Leander Peters: Die technologische Grundlage für Sizeless haben wir selbst entwickelt und bereits umfassend durch Patentanmeldungen und Gebrauchsmuster geschützt. Unser Ansatz basiert auf der Prämisse, dass ein größenverstellbarer Kinderschuh besonders flexibel sein muss. Wir kombinieren deshalb flexible und gleichzeitig robuste Materialien (Kinder wissen, wie man Schuhe fordert) mit unserem Verstellmechanismus.
Dieser ist eine technische Neuheit und ermöglicht es Eltern, die Schuhgröße von außen präzise einzustellen. Der Mechanismus ist so in die Sohlenstruktur integriert, dass die Kinderfüße niemals in direkten Kontakt mit der Mechanik geraten. Der Fuß bleibt jederzeit geschützt und kann sich gesund und unbeeinflusst entwickeln.
Die manuelle Größenanpassung ist unser klarer USP gegenüber anderen kommerziellen Wettbewerbern
Auch aus der Branche selbst erfahren wir viel Unterstützung: Because International ist eine Non-Profit-Organisation, die mitwachsende Sandalen entwickelt, damit Kinder in prekären Lebensumständen zumindest ein Paar Schuhe haben, das ihre Füße zuverlässig schützt. Der Gründer kennt unser Projekt, ist überzeugt vom Konzept und unterstützt uns mit einem Letter of Intent (Absichtserklärung) aktiv bei Bewerbungen für Investments und Fördermittel.
Mit welchen Herausforderungen wart ihr bei der Entwicklung konfrontiert – und wie habt ihr sie gelöst?
Leander Peters: Ein hoher Innovationsgrad trifft hier auf eine eher konservativ geprägte Branche. Bei meinem ersten Besuch in Portugal mit dem Ziel, einen Sizeless-Prototypen aus der Fabrik zu bekommen, wurde schnell klar: Für die meisten Hersteller müssen vor allem die Abnahmezahlen stimmen. Innovation und „Start-up-Spirit“ sind zwar nett, zahlen aber am Ende des Tages nicht die Fachkräfte in den Fabriken.
Die Idee eines größenverstellbaren Schuhs klingt in der Theorie schön, in der Realität ist es jedoch ein Balanceakt zwischen technischer Umsetzbarkeit, Skalierbarkeit und Produktionskosten, die eine Fertigung auf Masse überhaupt erst erlauben. Wir hatten das Glück, über persönliche Kontakte zu einem anderen jungen Schuhhersteller aus NRW Zugang zu einem Fertigungsnetzwerk in Portugal zu bekommen. Diese Unterstützung war für uns ein riesiger Sprung nach vorne, und wir sind sehr dankbar für die Möglichkeiten, die wir jetzt durch die innereuropäische Produktion haben.
Gründung und Aufbau
Wie verlief euer Weg von der Idee zur Gründung?
Leander Peters: Nach einem erfolgreichen Pitch in Zürich ging es für uns erst einmal zurück ins Studium. Mit dem Preisgeld aus dem Wettbewerb entwickelten Alex und ich nebenbei das Konzept weiter und warfen im Rahmen des Inkubators „Stars Kader“ einen genaueren Blick auf das Geschäftsmodell.
Spätestens bei meiner ersten Reise nach Portugal wurde deutlich, dass der damalige Prototyp in dieser Form nicht fertigungstauglich war – technisch zu verkopft und für die industrielle Produktion nicht geeignet. Parallel lief das Storytelling auf Pitch-Events zwar super und Eltern spiegelten uns in jeder Befragung enormes Interesse zurück – aber wir hatten noch kein industrietaugliches Produkt.
Das führte zu zwei Erkenntnissen: Wir brauchen mehr Ressourcen und mehr Expertise– und genau da kam Louis in seiner Funktion als Designer ins Spiel. Ich ging auf ihn zu; wir hatten bereits in einem Sportkleidungsunternehmen zusammengearbeitet.
Gemeinsam haben wir uns dann als Team auf das exist Gründungsstipendium beworben, mit dem Ziel, uns ein Jahr lang in Vollzeit dem Sizeless-Schuh widmen zu können. Nach Eingang des Förderbescheids zog Louis aus seiner Heimat Schottland nach Köln. Im April 2025 haben wir offiziell gegründet, funktionale Prototypen in Zusammenarbeit mit portugiesischen Fabriken entwickelt und das Patent erarbeitet. Jetzt zielt alles auf den ersten Launch zur Sommersaison 2026 hin.
Wie habt ihr eure Finanzierung aufgestellt? Gab es Unterstützung durch Förderprogramme?
Leander Peters: Für die nächsten zwei Monate ist durch unsere Förderung noch alles in trockenen Tüchern – was im Start-up-Kontext eine Ewigkeit ist. Wir erhalten das exist Gründungsstipendium vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie zu dritt und sind sehr dankbar für die Möglichkeiten, die uns das eröffnet hat. Um jedoch die Produktion der ersten Kollektion zu finanzieren, suchen wir jetzt verstärkt nach Investoren, mit denen wir den Sizeless-Schuh an möglichst viele Kinderfüße bringen können. Investments ab 30.000 Euro helfen uns da gerade schon enorm, um den „Schalter“ in den Fabriken umzulegen.
Die Nachfrage ist definitiv gegeben: Wir haben eine Warteliste mit mehreren hundert Familien und bereits über 80 zahlende Kundinnen und Kunden, die sich einen Vorbesteller-Rabatt gesichert haben. Zudem spüren wir großes Interesse an unserer im März startenden Kickstarter-Kampagne.
Erfolge und Zukunft
Auf welchen Erfolg seid ihr besonders stolz?
Leander Peters: An dieser Stelle ist es mir wichtig, noch einmal das Team und unseren Partner in Portugal hervorzuheben. Zusammen mit unseren Fabriken haben wir es geschafft, ein neuartiges, hochtechnisches Konzept industriell produzierbar zu entwickeln. Louis hat als Designer jegliche Lead-Times, die er aus der Schuhentwicklung kannte, über Bord geworfen und in rekordverdächtiger Zeit das Konzept in funktionierende Prototypen übersetzt. Alex sorgt gleichzeitig dafür, dass wir die nötige Aufmerksamkeit bekommen, und kann angesichts der aktuellen Traction wirklich stolz auf die bisherige Kommunikation sein.
Wo seht ihr Sizeless in den nächsten Jahren? Welche Weiterentwicklungen plant ihr für euer Produkt?
Leander Peters: Diese Frage öffne und schließe ich gerne mit unserer Vision: In fünf Jahren sollen keine herkömmlichen Größen mehr auf Schuhkartons stehen. Nachdem wir im Sommer unseren Sizeless-Sneaker launchen, werden wir uns mit zusätzlichen Ressourcen der Entwicklung eines wasserabweisenden Herbst- und Wintermodells widmen. Aufgrund der hohen funktionalen Ansprüche an einen solchen Schuh wird das sicher kein Selbstläufer, aber wir freuen uns auf die Herausforderung.
Perspektivisch sind zudem Hausschuh- und Sportschuhmodelle in Überlegung. Sobald unser Patent final genehmigt ist, planen wir darüber hinaus, Technologielizenzen an weitere Hersteller zu vergeben. Jeder Schuh kann ein Sizeless-Schuh sein.
Tipps für Gründende
Was war die wichtigste Lektion, die ihr als Gründende gelernt habt?
Leander Peters: Etwas zu bauen, das auch wirklich ankommt. Und das geht nur, wenn man sich seine „Weihnachtsmärkte sucht“, mit der potenziellen Zielgruppe ins Gespräch kommt und das eigene Produkt sowie dessen Nutzen genau versteht und rüberbringen kann.
Am Ende sind es Kinder, die schonungslos ehrlich sagen, was funktioniert – und Eltern, die nur das Beste für ihre Kids wollen und unseren Schuh kaufen. Wenn wir an denen vorbeientwickeln, merken wir das sofort; das Feedback gibt es im B2C-Bereich eben großflächig und unmittelbar. Wir wirken dem aktiv mit unserer Eltern-Community entgegen: Jeder kann über die Website beitreten und wird dann in Produkttests und weitere Entwicklungsfragen mit einbezogen.
Welche Ratschläge würdet ihr anderen Gründenden mitgeben?
Leander Peters: Baut euch ein eigenes Ökosystem aus Mentorinnen und Mentoren, Unterstützerinnen und Unterstützern, anderen Start-ups und weiteren strategischen Partnern auf. Sie können zwar nicht jedes Feuer für euch löschen, aber sie helfen beim Löschen – und beraten insbesondere dazu, was „leicht entzündlich“ ist und deshalb möglicherweise vermieden werden sollte. Gründen ist „Learning on the Job“: Die fehlende Sicherheit am Anfang muss man versuchen, mit eigener Überzeugung und weiteren Überzeugten auszugleichen.
Weitere Informationen:
https://www.sizeless-shoe.com/
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