v.l.n.r.: Sven Peper, Daniel Kirch, Steffen Kirchhoff
Interview mit Daniel Kirch von Taxy.io
Taxy.io ist ein KI-Start-up und Spin-off der RWTH Aachen, das intelligente Softwarelösungen für Steuer- und Rechtsberatungen entwickelt. Das Unternehmen nutzt Künstliche Intelligenz (KI), um komplexe steuerliche und rechtliche Fragestellungen schneller zu analysieren, Fachinformationen strukturiert aufzubereiten und wiederkehrende Recherche- und Prüfprozesse zu automatisieren. Ziel ist es, Kanzleien und Fachabteilungen effizienter zu machen, Routineaufgaben zu reduzieren sowie Beraterinnen und Beratern mehr Zeit für die strategische und mandantennahe Arbeit zu verschaffen.
Idee und Motivation
Was hat euch dazu bewegt, Taxy.io zu gründen? Gab es ein konkretes Problem im Beratungsalltag oder eine persönliche Erfahrung, die den Anstoß gegeben hat?
Daniel Kirch: Ja, wir haben in unserem vorherigen Berufsleben – ich persönlich im Venture Capital beim Handling mehrerer Start-up-Transaktionen und Sven beim Verkauf seines vorherigen Start-ups – gemerkt, wie aufwändig Steuerberatung sein kann.
Steuerexpertinnen und -experten verbrachten damals viel Zeit mit der Recherche und Analyse von rechtlicher Literatur, Gesetzen, Urteilen, Kommentaren, Zeitschriftenartikeln. Dazu kommen immer komplexere Mandantensituationen mit vielen Daten in unterschiedlichen Medien und Systemen.
Da sich jede Unternehmerin und Unternehmer mit Steuern auseinandersetzen muss, haben wir gedacht, dass das sicher nicht nur für uns ein großes Problem ist und dass es in Zeiten von Cloud und KI besser funktionieren müsste. Wir dachten: Es wäre doch super, wenn wir ein digitales Steuer- und Rechtsgehirn hätten, das alle Regeln kennt, nie vergisst und 24/7 für einen da ist. Das hat uns 2018 den Impuls für die Gründung gegeben. Die Forschung und Entwicklung von KI-Lösungen ist also seit der Gründung Teil unserer DNA.
Welche Rolle spielt NRW – insbesondere das Umfeld der RWTH Aachen – als Gründungsstandort für euer Unternehmen, etwa im Hinblick auf Forschung, Netzwerke oder Förderangebote?
Daniel Kirch: NRW, Aachen und die RWTH Aachen haben uns von Anfang an unterstützt – sei es an der Universität und im Gründungsnetzwerk über das exist Gründungsstipendium vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, im digitalHUB Aachen (bis heute unser Hauptstandort) mit Büros, Netzwerk und Mentoring-Programmen oder über das Gründungsstipendium NRW. Auch eine Delegationsreise mit dem damaligen Landeswirtschaftsminister, Prof. Dr. Andreas Pinkwart, ins Silicon Valley hat uns wichtige Impulse gegeben.
Später haben uns Investoren aus NRW finanziert, wie die NRW.Bank oder der TechVision Fonds aus Aachen sowie erfahrene Unternehmer aus NRW. Auch hiesige mittelständische Unternehmen konnten wir als erste Kunden gewinnen.
Ohne diese Unterstützung wären wir heute nicht dort, wo wir stehen. Umso mehr freut es uns, nun selbst als Angel-Investoren die nächste Generation von Start-ups in NRW begleiten und unterstützen zu können.
In Summe: NRW bietet eine starke Kombination aus Forschung, Finanzierung und Industrie.
Technologie und Innovation
Welches konkrete Problem im Arbeitsalltag von Steuer- und Rechtsberatungen adressiert eure Lösung – und worin unterscheidet sich Taxy.io von bestehenden Legal- und Tax-Tech-Angeboten?
Daniel Kirch: Mitarbeitende in Steuerberatungen und Steuerabteilungen von Konzernen und KMU müssen täglich „informationslogistische“ Probleme lösen: Welche Paragraphen sind für eine konkrete Mandantensituation relevant? Wo sind die Buchhaltungsunterlagen? Welche Informationen benötigt das Finanzamt? Der Fachkräftemangel verschärft diese Ausgangssituation.
Von Anfang an war es daher unser Anliegen, steuerliche und rechtliche Beratungsprozesse zu automatisieren. Unsere Lösungen liefern faktenbasierte Antworten auf (steuer-)rechtliche Fragen in Sekunden mit Quellenverweisen, helfen bei der beschleunigten Erstellung von Steuererklärungen, prüfen Unterlagen und Verträge und erstellen Einsprüche an das Finanzamt. Weil sich unsere Lösung um die Regulatorik kümmert, können sich Tax & Legal Professionals besser auf ihre Mandanten konzentrieren. Letztes Jahr hat unsere KI sogar die offizielle deutsche Steuerberaterprüfung bestanden - als erste Software weltweit.
Wie habt ihr eure KI-Lösung entwickelt – von der ersten Idee über die technische Umsetzung bis hin zu Pilotkunden und Marktreife?
Daniel Kirch: Da wir nicht aus der Steuerbranche kamen, konnten wir mit einem „frischen Blick” auf diese Herausforderung schauen und unsere Erfahrungen aus KI-Forschung oder von anderen KI-Start-ups einbringen. Wir haben mehrere Businesspläne entwickelt und mit Praktikern validiert, bis wir ein erstes Funding und erste Kunden (aus Aachen) akquirieren konnten.
Dann ging es mit kontinuierlichem Kundenfeedback und über viele Iterationen immer weiter. Viele unserer Annahmen darüber, wie moderne Kanzleien heute KI einsetzen, stellten sich als korrekt heraus, allerdings haben wir uns bei der Timeline deutlich verschätzt. Insofern war der Weg zur Marktreife durchaus herausfordernd. Nur dank unseres kreativen und multidisziplinären Teams und dank unseren treuen Kundinnen und Kunden und Gesellschaftern haben wir schließlich den Product-Market-Fit erreicht. Auch eine Kooperation mit einem in Köln ansässigen, über 100 Jahre alten Fachverlag, dessen aktuelles und hochwertiges Steuer- und Rechtswissen wir in unseren Lösungen integrieren, hilft uns sehr.
Gab es technologische oder regulatorische Herausforderungen, die ihr im Entwicklungsprozess bewältigen musstet – insbesondere im sensiblen Umgang mit Daten?
Daniel Kirch: In der Tat: Zu Beginn waren Cloud-Lösungen in der Steuer- und Rechtsbranche noch sehr mit Skepsis behaftet - ganz zu schweigen von KI, teilweise zu der Zeit auch zurecht. Beide Technologien sind heute deutlich zuverlässiger und ein etablierter Bestandteil der täglichen Kanzleiarbeit.
Parallel hat sich der Anspruch an technische Datenhaltung und -verarbeitung kontinuierlich erhöht, was wir heute beispielsweise in der Umsetzung von DSGVO und EU KI-Verordnung sehen. Mit unserer ISO 27001 Zertifizierung für Informationssicherheit begegnen wir den hohen Ansprüchen unserer Kundinnen und Kunden.
Gründung und Aufbau
Wie wurde aus der technologischen Idee ein marktfähiges Unternehmen – welche Meilensteine waren auf eurem Weg besonders entscheidend?
Daniel Kirch: Unseren ersten vollständigen Businessplan haben wir damals für das exist Gründungsstipendium erstellt. Dabei haben wir zum ersten Mal aus der Idee ein Gesamtkonzept entwickelt. Ein Jahr später konnten wir mit ersten Prototypen und Umsätzen die erste Venture Capital-Finanzierung akquirieren. Es folgten weitere Finanzierungsrunden auf Basis der Produktweiterentwicklung, später auch per Fremdkapital, bis wir Profitabilität und einen nennenswerten Fußabdruck in unseren Märkten erreichten.
Das Produkt entwickelte sich in dieser Zeit vom Prototyp über separate Apps hin zu einer deutschlandweit genutzten, integrierten KI-Lösung für die digitale Infrastruktur in der Steuerberatung.
Personell war es sehr spannend, die Entwicklung vom Gründungsteam zu erleben, das alles macht und jeden persönlich kennt, hin zu einer Unternehmensstruktur mit klaren Prozessen, Verantwortlichkeiten, und einer mittleren Management-Ebene ohne uns Gründer als Engpass.
Besonders stolz sind wir heute auf das Teamwork unserer bis zu 65 Mitarbeitenden.
Ein kürzlicher Meilenstein war die Akquisition von Taxy.io durch eine internationale Softwaregruppe, die uns jetzt bei der weiteren Skalierung begleitet. Das, was als Idee von vier Gründern begann, ist nun Teil einer Gruppe mit 17.000 Kolleginnen und Kollegen und über 2 Millionen Kunden weltweit.
Erfolge und Zukunft
Wie wollt ihr Taxy.io in den kommenden drei bis fünf Jahren weiterentwickeln – plant ihr neue Funktionen, zusätzliche Anwendungsbereiche oder internationale Expansion?
Daniel Kirch: Absolut, wir expandieren sowohl vertikal, das heißt wir bieten unseren Steuer- und Rechtskunden weitere Funktionalitäten auf Basis „Agentischer KI” an, die ihren Arbeitsalltag erleichtern und beschleunigen, als auch in andere geografische und thematische Rechtsgebiete. Der Zusammenschluss mit einer internationalen Softwaregruppe ist da für uns ein starker Hebel, da wir hier mit vielen weiteren Softwarefirmen an systemübergreifenden Automatisierungen für unsere Kundinnen und Kunden arbeiten können, auch international.
Unsere Vision ist seit 2018 nahezu unverändert: Wir werden die führende KI-Plattform für Steuern und Recht, die Kanzleien und Unternehmen dabei hilft, sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren zu können.
Tipps für Gründende
Was war bislang eure wichtigste Erkenntnis aus dem Gründungs- und Skalierungsprozess eines KI-Start-ups?
Daniel Kirch: Es dauert alles länger, als man denkt, aber Durchhalten lohnt sich. Wenn Gründerinnen und Gründer von einer Idee überzeugt sind, dann sollten sie dranbleiben, auch bei Gegenwind. Denn viele erfolgreiche Ideen sind am Anfang nicht offensichtlich und entfalten ihr Potenzial erst Jahre später. Auch wenn der Weg dahin steinig sein kann, bietet er viele wertvolle Erfahrungen und Learnings. Ich weiß diese prägenden Jahre der Weiterentwicklung zusammen mit meinen Mitgründern und Kolleginnen und Kollegen sehr zu schätzen. Und jedes Hindernis auf unserem Weg war am Ende ein Wegweiser bis zum Durchbruch - und auch der Weg macht Spaß!
Welche Ratschläge würdet ihr anderen Gründerinnen und Gründern mitgeben, die im Bereich KI oder B2B-Software ein Unternehmen aufbauen möchten?
Daniel Kirch: In den zurückliegenden acht Jahren hat sich die Welt immer schneller verändert, sowohl technologisch als auch gesellschaftlich und politisch. Einige Tipps, von denen wir vor fünf Jahren noch profitiert hätten, gelten heute nicht mehr. Daher ist es nicht einfach, Start-ups von heute Empfehlungen zu geben.
Was trotz dieser Dynamik sicherlich bleibt, ist, dass Start-up-Gründerinnen und -Gründer schneller, kreativer und innovativer sein müssen als der Rest des Marktes, um Chancen zu erkennen und zu nutzen. Technologische Vorsprünge alleine reichen dabei nicht mehr: USPs müssen deutlich ganzheitlicher gedacht werden und auch Distribution, Marke, Speed, Netzwerkeffekte und Kapital umfassen.
Deutschland und Europa brauchen mehr Menschen, die den Mut haben, neue Ideen umzusetzen - wer ein Problem sieht und daran glaubt, es lösen zu können, sollte einfach anfangen.
Weitere Informationen:
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