v.l.n.r.: Michael Dunsche, Jonas Hülskötter, Sven Hülskötter
Interview mit Jonas Hülskötter von urbanhive
Das Start-up urbanhive entwickelt smarte Indoor-Gärten, mit denen Menschen auch ohne Garten oder Balkon zu Hause Kräuter, Salate, Gemüse oder sogenannte Microgreens – also junge, besonders nährstoffreiche Keimpflanzen – anbauen können. Die vertikalen Home-Farming-Systeme kombinieren LED-Pflanzenlicht, automatische Bewässerung und sensorbasierte Steuerung, sodass Pflanzen ganzjährig in der Wohnung wachsen können. Nutzer setzen einfach Samenkapseln ein, füllen Wasser nach und können Wachstum sowie Pflege teilweise über eine App steuern. Das System basiert auf Hydroponik, bei der Pflanzen ohne Erde, sondern mit Wasser und Nährstoffen wachsen. urbanhive möchte damit insbesondere der städtischen Bevölkerung ermöglichen, Lebensmittel lokal und nachhaltig selbst anzubauen und so Transportwege, Verpackungen und den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren.
Idee und Motivation
Was hat euch dazu bewegt, urbanhive zu gründen? Gab es ein konkretes Problem oder eine persönliche Erfahrung, die den Anstoß gegeben hat?
Jonas Hülskötter: Wir hatten tatsächlich unterschiedliche Ausgangsmotivationen. Bei mir stand vor allem die Faszination für das Gründen und Unternehmertum im Vordergrund.
Was uns aber alle verbindet, ist die Begeisterung dafür, die Natur zurück in den Alltag der Menschen zu bringen. Gerade in Städten geht diese Verbindung oft verloren – genau hier setzen wir an.
Unsere Vision ist es, die Natur mit smarter Technologie wieder in den Mittelpunkt des Lebens zu stellen. Wir möchten eine Welt schaffen, in der Menschen wieder eine persönliche Beziehung zur Natur aufbauen und im Einklang mit ihr leben. Eine Welt, in der jeder die Faszination der Natur im eigenen Zuhause erleben kann.
Welche Rolle spielt NRW für die Entwicklung von urbanhive – etwa im Hinblick auf Netzwerke, Technologieentwicklung, Partnerinnen und Partner oder Förderangebote?
Jonas Hülskötter: NRW spielt für uns eine sehr wichtige Rolle, insbesondere durch das starke Start-up-Ökosystem und die vielfältigen Fördermöglichkeiten. Gerade in der frühen Phase konnten wir stark von Netzwerken, Infrastruktur und dem Austausch mit anderen Gründerinnen und Gründern profitieren.
Wir hatten zu Beginn Unterstützung vom REACH in Münster, was uns beim Aufbau und der Weiterentwicklung unserer Idee sehr geholfen hat. Zusätzlich konnten wir verschiedene Förderprogramme nutzen. Ganz konkret die WIPANO-Förderung für unsere Patentanmeldung, das NRW-Gründerstipendium und die steuerliche Forschungszulage. Das Gründungsstipendium NRW war für den Start sehr hilfreich. Das hat uns ermöglicht, uns voll auf die Entwicklung von urbanhive zu konzentrieren und erste wichtige Schritte zu gehen.
Darüber hinaus bietet NRW durch die Nähe zu Hochschulen, Forschungseinrichtungen und potenziellen Partnerinnen und Partner ideale Voraussetzungen, um technologische Innovationen voranzutreiben und ein nachhaltiges Unternehmen aufzubauen.
Technologie und Innovation
Wie habt ihr euer Indoor-Farming-System entwickelt – von der ersten Idee über Prototypen bis hin zum funktionsfähigen Produkt?
Jonas Hülskötter: Wir sind relativ klassisch gestartet und haben zunächst mit dem Business Model Canvas gearbeitet, um unser Konzept zu strukturieren und zu schärfen. Ein großer Fokus lag dabei früh auf dem Verständnis der Nutzerbedürfnisse.
Dafür haben wir umfangreiche Befragungen durchgeführt – unter anderem auch ganz direkt in der Fußgängerzone in Münster. Insgesamt haben wir rund 300 Menschen befragt, um die zentralen Probleme besser zu verstehen und unsere Lösung darauf auszurichten.
Auf dieser Basis haben wir unsere ersten Prototypen entwickelt und diese Schritt für Schritt weiter verbessert. Ein großer Vorteil war, dass wir eigene 3D-Drucker genutzt haben, wodurch wir sehr schnell und iterativ arbeiten konnten. So konnten wir Feedback direkt in die neuen Versionen einfließen lassen und uns nach und nach einem funktionsfähigen, marktnahen Produkt annähern.
Welche Herausforderungen musstet ihr bei der Entwicklung eures Indoor-Farming-Systems bewältigen – etwa bei Beleuchtung, Nährstoffversorgung oder Automatisierung?
Jonas Hülskötter: Die größte Herausforderung war definitiv, die verschiedenen technologischen Komponenten optimal aufeinander abzustimmen. Dazu gehört das richtige Lichtspektrum für unterschiedliche Pflanzen, eine zuverlässige Nährstoffversorgung sowie eine stabile und intuitive Automatisierung. Unser Ziel war es, ein System zu entwickeln, das technisch komplex im Hintergrund ist, aber für die Nutzerinnen und Nutzer möglichst einfach funktioniert.
Eine zusätzliche Herausforderung war der Zeitpunkt unserer Entwicklung: Wir haben während der Corona-Hochphase an unserem System gearbeitet, als die globalen Lieferketten stark gestört waren. Gerade die Beschaffung von elektronischen Komponenten wie Platinen und Sensoren war teilweise sehr schwierig. Gleichzeitig sind die Logistikkosten in dieser Zeit stark gestiegen, was die Entwicklung zusätzlich erschwert hat.
Diese Rahmenbedingungen haben uns gezwungen, noch flexibler zu arbeiten, Alternativen zu finden und unsere Prozesse sehr effizient zu gestalten. Rückblickend hat uns das aber auch widerstandsfähiger gemacht und unsere Entwicklung stark geprägt.
Gründung und Aufbau
Wie wurde aus eurer Idee schließlich ein marktfähiges Unternehmen – welche Meilensteine waren auf eurem Weg besonders entscheidend?
Jonas Hülskötter: Der Weg von der Idee zum marktfähigen Unternehmen war für uns ein schrittweiser Prozess mit mehreren wichtigen Meilensteinen. Am Anfang stand die Validierung der Idee – also zu prüfen, ob unser Konzept wirklich ein relevantes Problem löst. Darauf folgten die Entwicklung erster Prototypen und intensive Nutzertests, durch die wir unser Produkt kontinuierlich verbessern konnten.
Ein entscheidender Schritt war dann die Weiterentwicklung hin zu einem serienfähigen Produkt sowie der Aufbau der entsprechenden Strukturen für Produktion und Vertrieb.
Besonders prägend war für uns der Moment, als wir unsere erste Kleinserie von rund 200 Geräten ausgeliefert haben
Erfolge und Zukunft
Gab es einen Moment oder ein Feedback von Nutzerinnen und Nutzern, das euch gezeigt hat, dass eure Lösung im Alltag wirklich funktioniert und einen Mehrwert bietet?
Jonas Hülskötter: Besonders motivierend war das Feedback von Nutzerinnen und Nutzern, die zum ersten Mal erfolgreich eigene Lebensmittel angebaut haben – oft ohne jegliche Vorerfahrung. Wenn Menschen berichten, dass sie regelmäßig frische Kräuter oder Salate direkt aus ihrem Wohnzimmer ernten, zeigt uns das, dass unser Produkt echten Mehrwert schafft.
Wenn ihr zehn Jahre in die Zukunft blickt: Wie könnte eine Stadt aussehen, in der Urban Farming und Technologien wie eure weit verbreitet sind?
Jonas Hülskötter: In zehn Jahren könnten Städte deutlich grüner, nachhaltiger und stärker mit der Natur verbunden sein. Wir sehen diese Vision heute schon in vielen Science-Fiction-Filmen: Dort verschmelzen Natur und Wohnen zu einer Einheit – genau daran glauben wir auch.
Wir stellen uns vor, dass Pflanzen wieder ein selbstverständlicher Teil des Alltags werden – nicht nur als Dekoration, sondern als echte Nahrungsquelle. Menschen bauen einen Teil ihrer Lebensmittel direkt zu Hause an, sei es in der Küche, im Wohnzimmer oder in gemeinschaftlichen Flächen.
Technologien wie unsere können dabei helfen, diese Entwicklung zugänglich zu machen – unabhängig von Vorerfahrung oder Platz. So entsteht eine neue Form von urbanem Leben, in der Menschen wieder eine engere Beziehung zur Natur haben und bewusster mit ihren Ressourcen umgehen.
Tipps für Gründende
Was war bislang eure wichtigste Erkenntnis aus dem Aufbau eines Hardware- bzw. FoodTech-Start-ups?
Jonas Hülskötter: Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist, dass Hardware deutlich komplexer ist als reine Software und wesentlich längere Entwicklungszyklen erfordert. Also es war uns schon vorher bewusst, aber das zu erleben war noch mal etwas anderes. Deshalb ist es entscheidend, früh zu testen, schrittweise vorzugehen und kontinuierlich Nutzerfeedback einzubeziehen. Und ganz pragmatisch: Wenn man glaubt, einen fixen Liefertermin zu haben, sollte man sicherheitshalber noch ein paar Wochen draufrechnen.
Gleichzeitig haben wir gelernt, wie entscheidend die Themen Kapital, Kapitalbindung und Skalierung sind. Gerade in der Hardware-Entwicklung ist viel Geld früh gebunden – umso wichtiger ist eine sehr sorgfältige Liquiditätsplanung.
Ein konkretes Learning aus unserer eigenen Erfahrung: Themen wie Zoll und Importprozesse sollte man früh verstehen. Ein sogenanntes Aufschubkonto beim Hauptzollamt kann hier enorm helfen – wir hatten das bei unseren ersten Lieferungen noch nicht, weil wir schlicht nicht wussten, dass es diese Möglichkeit gibt.
Und nicht zuletzt: Ein starkes, interdisziplinäres Team ist essenziell, um die vielen unterschiedlichen Herausforderungen – von Technik über Produktion bis hin zu Business – erfolgreich zu meistern.
Welche Ratschläge würdet ihr anderen Gründerinnen und Gründern geben, die innovative Produkte im Bereich Nachhaltigkeit, FoodTech oder Smart Home entwickeln möchten?
Jonas Hülskötter: Fokussiert euch früh auf ein klares Problem und eine konkrete Zielgruppe. Testet eure Idee so schnell wie möglich am Markt und bleibt flexibel in der Umsetzung. Baut ein starkes Netzwerk auf und nutzt verfügbare Fördermöglichkeiten. Und vor allem: Durchhaltevermögen ist entscheidend – gerade in komplexen Bereichen wie Hardware und FoodTech.
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