"Unsere Insektenfabriken tragen zum Schutz der Regenwälder und Meere bei.“

Teamfoto: Omnivore Recycling, © Projektelf

Interview mit Dr. -Ing. Marius Wenning von Omnivore Recycling

Omnivore Recycling entwickelt und betreibt innovative Recyclinganlagen zur Verwertung industrieller Lebensmittelreste. In speziellen Insektenfarmen werden diese Reststoffe genutzt, um hochwertiges Insektenprotein für die Tierfutterproduktion zu gewinnen. Mit ihrem Recycling-Ansatz trägt das Start-up dazu bei, Stoffkreisläufe in der Lebensmittelindustrie nachhaltig zu schließen.

Idee und Motivation

Was hat euch inspiriert, eine Recyclinglösung für Lebensmittelunternehmen zu entwickeln?

Dr.-Ing. Marius Wenning: Aufmerksam geworden sind wir auf das Thema Insektenprotein als uns klar wurde, dass für die Tierfutterproduktion Ökosysteme zerstört werden. Regenwälder, wie der Amazonas, werden für Futtersoja abgeholzt und die Meere werden für Fischmehl überfischt, das dann als Futtermittel in der Aquakultur eingesetzt wird. 

Insektenlarven sind ein ganz natürliches Futter für die meisten Tiere und können mithilfe der ungeheuren Mengen an Lebensmittelresten weltweit ohne die Zerstörung unserer Ökosysteme produziert werden. Das schien uns nach einer genialen Lösung, die wir unbedingt vorantreiben wollten.

Warum habt ihr euch für den Standort NRW entschieden?

Dr.-Ing. Marius Wenning: Wir drei kommen alle aus NRW – aus dem Rheinland, Münsterland und Ruhrgebiet. In Aachen haben sich dann unsere Wege gekreuzt, wo wir auch gegründet haben. Aachen bietet uns durch die RWTH einfach ein sehr gutes Ökosystem. Das hat uns insbesondere geholfen viele motivierte, junge Leute für unsere Idee zu begeistern.

Technologie und Innovation

Wie funktioniert eure Recyclingtechnologie, und was unterscheidet sie von anderen Ansätzen?

Dr.-Ing. Marius Wenning: In unseren Recyclinganlagen fressen spezielle Fliegenlarven die Lebensmittelreste auf. Innerhalb von wenigen Tagen verhundertfacht die Fliegenlarve ihr Gewicht und gewinnt im Rahmen des Stoffwechselprozesses aus den unterschiedlichsten Lebensmittelresten wichtige Nährstoffe. Die Larve selbst ist dann eine hochwertige Proteinquelle für Hühner, Schweine und Fische. Zudem entsteht aus dem Kot der Larven ein hochwertiger Biodünger. 

Das ist ein wirklicher Gamechanger, denn die alternativen Entsorgungswege für organisches Material nutzen die Nährstoffe nicht mehr. In vielen Ländern landen organische Abfälle auf Mülldeponien. Das ist ein riesiges Umweltproblem, denn das Material zersetzt sich unter der Produktion von Methan, das einen erschreckend großen Beitrag zur Klimaerwärmung leistet. In Deutschland werden Lebensmittelreste bislang kompostiert oder in Biogasanlagen verstromt. Immerhin – aber letztlich ein klares Downcycling. Die Nährstoffe werden hier von Bakterien abgebaut. Wertvolle Proteine gehen verloren und müssen auf Kosten der Ökosysteme neu produziert werden. Das ändert sich mit dem „Insektenrecycling“. 

Welche Herausforderungen habt ihr bei der Entwicklung eurer Technologie bewältigt?

Dr.-Ing. Marius Wenning: Da fallen mir zuerst technische Herausforderungen ein. Damit es den Larven gut geht, ist insbesondere die Klimatechnik in den Recyclinganlagen entscheidend. Wir müssen jederzeit Temperatur und Luftfeuchtigkeit genau steuern, sonst kann das „Insektenrecycling“ nicht funktionieren. Dann ist aber auch wichtig, dass der Recyclingprozess wirtschaftlich ist. Denn die Larven müssen wettbewerbsfähig gegenüber konventionellen Futtermitteln sein, sonst setzen sie sich nicht als alternative Futterquelle durch. Dafür entwickeln wir eigene Automatisierungstechnik, die es leicht macht, die Larven zu produzieren.

Die ganze Technik bringt aber nichts, wenn es keinen Product-Market-Fit gibt. Wir mussten also erstmal schauen, wer eigentlich der richtige Kunde für die Larven ist, woher die Lebensmittelreste kommen und wie man daraus einen Business-Case machen kann.

Welche Umweltziele erfüllt eure Lösung?

Dr.-Ing. Marius Wenning: Wenn wir es schaffen die Insekten als Recyclingtechnologie für Lebensmittelreste zu etablieren, können wir unglaublichen Impact generieren. Etwa ein Drittel der gesamten Lebensmittelproduktion wird nicht vom Menschen konsumiert. All das lässt sich prinzipiell durch die Larven nutzbar machen. So könnten wir den Verbrauch von Soja erheblich reduzieren, Fischmehl langfristig sogar ganz ersetzen. Das schützt unsere Ökosysteme und damit natürlich auch unser Klima. 

In der Tierhaltung können wir mit den Larven die Haltungsbedingungen von Hühnern und Schweinen erheblich verbessern. In der Natur würden diese sogenannten „Omnivoren“ ihren Proteinbedarf teilweise über Insektenlarven decken. In der heutigen Tierhaltung hat man die Tiere weitestgehend zu Vegetariern gemacht. Mit unseren Larven können wir dem natürlichen Nährstoffbedarf der Tiere gerecht werden. 

Wenn wir die Larven zudem lebendig verfüttern, sorgt das für ein besseres Tierwohl. Huhn und Schwein suchen nach den krabbelnden Larven – damit kommen wir dem natürlichen Trieb zur Nahrungssuche der Tiere nach. 

Gründung und Aufbau

Wie verlief euer Weg von der Idee zur Gründung?

Dr.-Ing. Marius Wenning: Bis es zu der Gründung kam, verging schon etwas Zeit. Am Anfang war da nur Neugierde, was diese Larven alles verstoffwechseln können. Es gab keinen konkreten Plan. Das erste Ausprobieren machte uns dann irgendwann klar, warum nicht mehr Unternehmen Insektenprotein produzieren. Der Prozess war einfach zu kompliziert und arbeitsaufwändig. Da waren zum Beispiel die Klimabedingungen, deren präzise Steuerung bei der Skalierung der Produktion zu einer Herausforderung wurden. Zudem war die Arbeit mit den Larven arbeitsaufwändig. Üblicherweise musste man viele Kisten mit zerkleinerten Lebensmittelresten manuell bewegen – ein Kraftakt. Da haben wir dann unsere Chance gesehen. Es brauchte unserer Meinung nach investitionsarme Technik, die es mittelständischen Betrieben ermöglicht, selber Insekten zu produzieren. 

Gab es schwierige Momente, und wie habt ihr diese gemeistert?

Dr.-Ing. Marius Wenning: Es ist ein auf und ab. Mal ist man enttäuscht, weil es nicht so läuft, wie man es sich vorstellt, dann klappt wieder etwas gut und man ist überglücklich. Wir sind immer gut damit gefahren, einfach weiterzumachen. Ein paar Tage später sieht es meist schon wieder ganz anders aus. 

Wie habt ihr die Finanzierung organisiert, und welche Unterstützung habt ihr erhalten?

Dr.-Ing. Marius Wenning: Die Entwicklung der Recyclinganlagen ist teuer und langwierig. Unserer Erfahrung nach lässt sich das in der frühen Phase schlecht durch Risikokapital finanzieren. Wir hatten das Glück, dass wir öffentliche Gelder einwerben konnten. Zunächst konnten wir die Deutsche Bundesstiftung Umwelt von der Idee überzeugen, dann auch das Land NRW, wodurch wir eine Förderung über die europäische Regionalförderung (EFRE/JTF-Programm 2021-2027) im Rahmen der Fördermaßnahme Grüne Gründungen.NRW erhalten haben. Daneben konnten wir Business Angel überzeugen und haben auch eigenes Geld in das Unternehmen investiert.

Erfolge und Zukunft

Auf welchen Erfolg seid ihr besonders stolz?

Dr.-Ing. Marius Wenning: Wir haben im letzten Jahr in Kenia eine Pilotanlage für die Insektenproduktion aufgebaut. Dort arbeiten wir mit einem deutsch-kenianischen Produzenten von Avocado-Öl zusammen. In unserer Recyclinganlage werden die Pressreste aus der Ölproduktion an unsere Larven verfüttert. Damit reduzieren wir Treibhausgasemissionen, die sonst durch die Zersetzung des organischen Materials entstehen, und schaffen lokal produziertes Insektenprotein. Die Rückstände der Larven landen als Biodünger auf den Avocado-Feldern. Beides ist enorm wichtig, weil es die Kleinbauern in Kenia unabhängig von globalen Rohstoffmärkten macht. 

Welche Ziele habt ihr für die nächsten Jahre?

Dr.-Ing. Marius Wenning: Jetzt wollen wir zeigen, was mit der Insektenbiotechnologie in Deutschland möglich ist. Wir wollen einige dezentrale Pilotanlagen bei Landwirten aufbauen. Diese können dann die frisch produzierten Larven an ihre Nutztiere verfüttern. 

Spannende Märkte für Insektenprotein sind außerdem der Heimtier- und Aquakulturfuttermarkt. Hier können die Larven nicht als Ganzes verfüttert werden, stattdessen werden sie zu einem Proteinmehl weiterverarbeitet. Um auch diese Märkte abdecken zu können, planen wir den Bau einer großen Insektenfabrik, die zur Herstellung von Proteinmehl aus Fliegenlarven dienen soll. 

Welche Trends seht ihr in der Recyclingbranche, speziell im Bereich der Lebensmittelindustrie?

Dr.-Ing. Marius Wenning: Wir sehen, dass sich die Lebensmittelindustrie verpflichtet hat bis 2030 die Lebensmittelreste zu halbieren. Das ist ambitioniert und funktioniert nur, wenn wir die Insektenbiotechnologie nutzen. Denn viele Lebensmittelreste können nicht mehr vom Menschen verzehrt werden. Insekten hingegen geben uns die Möglichkeit auch diese Reste zu nutzen. 

Tipps für Gründerinnen und Gründer

Was war die wichtigste Lektion, die ihr als Gründungsteam gelernt habt?

Dr.-Ing. Marius Wenning: Dass Umweltschutz an sich erstmal noch kein Geschäftsmodell ist. Als wir gesehen haben, dass man mit der Insektentechnologie einen Beitrag zur Rettung der Ökosysteme leisten kann, dachten wir erstmal, dass es für jeden klar sein müsste: Natürlich braucht es das! 

Aber wir haben dann schnell gemerkt, dass es für ein funktionierendes Geschäftsmodell einen konkreten Nutzen braucht, für den Menschen bereit sind Geld zu zahlen.

Welche Tipps würdet ihr angehenden Gründerinnen und Gründern in der Umwelttechnologie mit auf den Weg geben? 

Dr.-Ing. Marius Wenning: Das Geschäftsmodell schnell validieren, also schauen, ob Menschen bereit sind dafür zu bezahlen. Wenn man von der Technologie kommt, denkt man nur daran diese zu validieren. Aber es benötigt genauso die Validierung des Product-Market-Fits.