Interview mit Vincent Glomm von MAJI Office Solutions GmbH

MAJI Office ist ein Start-up aus Telgte, das Produkte für ergonomisches Arbeiten entwickelt. Im Mittelpunkt steht „paddo“, eine multifunktionale Polsterrolle, die verschiedene Sitz- und Arbeitspositionen unterstützt – im Büro, im Homeoffice oder unterwegs. Das Unternehmen beschäftigt sich mit alltagstauglichen Lösungen, um Komfort und ergonomische Haltungen am Arbeitsplatz zu fördern.

Idee und Motivation

Was hat euch dazu bewegt, MAJI Office zu gründen? Gab es ein konkretes Problem oder eine persönliche Erfahrung, die den Anstoß gegeben hat?

Vincent Glomm: Begonnen hat tatsächlich alles während Corona. Damals hatte ich mit einem Freund eine Tischlerei, und wir haben höhenverstellbare Tische verkauft. Als Karina Schulte mit ins Team gekommen ist, haben wir uns zunehmend mit der Frage beschäftigt, wie wir nach Corona arbeiten werden - insbesondere, wenn Remote Work eine zentrale Rolle einnimmt. Dabei haben wir ein deutliches Problem erkannt: Wir sind zu einer „Generation Indoor“ geworden, verbringen bis zu 21 Stunden täglich in Innenräumen und sitzen viel zu viel. Gleichzeitig ist klassische ergonomische Büromöblierung in Zeiten von Desk Sharing häufig zu komplex und wenig flexibel. Unser Ziel war es daher, eine Lösung zu entwickeln, die einfach anwendbar ist und sich buchstäblich überall hin mitnehmen lässt.

Welche Rolle spielt Paderborn bzw. NRW als Gründungsstandort für euer Unternehmen – etwa im Hinblick auf Netzwerke, Hochschulumfeld oder Förderangebote?

Vincent Glomm: Elementar für uns war die enge Anbindung an die garage33 in Paderborn sowie an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe im Rahmen des Masterstudiengangs Applied Entrepreneurship. Nordrhein-Westfalen bietet in diesem Bereich großartige Förderformate – wir selbst haben beispielsweise das Gründungsstipendium NRW erhalten. Ich bin damals aus Hannover nach Paderborn gezogen und lebe mittlerweile in Telgte. Paderborn spielt für uns eine besondere Rolle, da wir dort Zugang zu einem hervorragend ausgestatteten Makerspace hatten. Das Team vor Ort hat uns bei der Entwicklung unserer Prototypen stets geduldig und kompetent unterstützt. Auch ein eigenes Büro im Umfeld der garage33 war für unsere Arbeit äußerst hilfreich. Ohne diese Unterstützung wäre unser Vorhaben vermutlich nicht umsetzbar gewesen.

 

Technologie und Innovation

Welches konkrete Problem im Arbeitsalltag adressiert euer Produkt „paddo“ – und worin unterscheidet es sich von bestehenden ergonomischen Lösungen?

Vincent Glomm: Das „paddo“ adressiert die andauernde Überbelastung durch statisches Sitzen. Ihr kennt es vielleicht: Es zieht im Rücken, man streckt sich kurz, aber nach wenigen Minuten sinkt man unweigerlich wieder in diese „Shrimp“-Position zusammen. Dauerhaft aufrecht zu sitzen, fällt wahnsinnig schwer.

Das Problem vieler bestehender ergonomischer Büro-Lösungen besteht darin, dass sie eine extrem hohe Nutzungshürde haben, teuer sind und meist nur eine einzelne Funktion erfüllen. Vor allem aber sind sie stationär – einen Bürostuhl kann ich schließlich schlecht mitnehmen. Bisher passen wir uns oft unbewusst unserer Arbeitsumgebung an und nehmen Abstriche in Kauf.

Wir wollen das umdrehen: Mit einem Handgriff soll sich die Arbeitsumgebung an unsere persönlichen Bedürfnisse anpassen lassen. Das „paddo“ unterstützt flexibel genau dort, wo es gebraucht wird: Es entlastet die Lendenwirbelsäule für ein aufrechtes Sitzen am Schreibtisch oder sorgt unterwegs für mehr Komfort. Für jede Position gibt es die passende Form. Unser Anspruch ist es, ein Produkt zu entwickeln, das mehr als nur eine Funktion erfüllt und nicht wie ein klassisches Gesundheitsprodukt wirkt, sondern sich selbstverständlich und ästhetisch in unterschiedliche Umgebungen integrieren lässt.

Wie habt ihr „paddo“ konkret entwickelt – vom ersten Konzept über Prototypen und Tests bis zur Serienreife?

Vincent Glomm: Karina litt zu Beginn tatsächlich an Rückenschmerzen durch das viele Sitzen am Schreibtisch. Begonnen hat alles mit einem einfachen Kissen als erste Unterstützung. Der Ausgangspunkt war: Wenn wir bereits mehr Zeit am Schreibtisch als im Bett verbringen, warum dann nicht mit dem gleichen Komfort?

Sowohl ergonomisch und designtechnisch haben wir viele Iterationen durchlaufen. Unser Ziel war es, das Kissen formbar zu gestalten, sodass es sich individuell an unterschiedliche Bedürfnisse anpassen und „zurechtbiegen“ lässt. Zusammen mit dem Makerspace der garage33 und einem strategischen Unternehmenspartner haben wir schließlich die „Wirbelsäule“, den flexiblen Kern, entwickelt. Am Ende ist dann das „paddo“ entstanden. 100 Prozent Made in NRW.
 

Gab es technische oder produktionstechnische Herausforderungen, die ihr im Entwicklungsprozess bewältigen musstet?

Vincent Glomm: Ja, wir brauchten einen ganz bestimmten Biegewiderstand beim „paddo“, damit es die jeweilige Form stabil beibehält. Gleichzeitig musste die Zusammensetzung des Schaumstoffs so abgestimmt sein, dass der innere Kern möglichst nicht spürbar ist.

Auch die Fertigung der Bezüge stellte uns vor Herausforderungen – insbesondere mit dem Anspruch, die Produktion in Deutschland zu halten. Insgesamt sind es viele einzelne Aspekte, die jeweils eigene Hürden mit sich bringen. Auch Themen wie Hygiene und die Auswahl geeigneter Stoffe spielten eine wichtige Rolle. Wir haben gelernt: Wenn man akzeptiert, dass ohnehin vieles anders läuft als ursprünglich geplant, bleibt man automatisch flexibler.

 

Gründung und Aufbau

Wie wurde aus eurer Produktidee ein Unternehmen – welche Schritte waren entscheidend auf dem Weg zur Gründung?

Vincent Glomm: Ich glaube, entscheidend ist der Mut, es zu wagen. Wir haben beobachtet, dass trotz jährlich neuer Büromöbel die Rückenprobleme nicht weniger werden. Das hat uns Mut gemacht, neue Wege zu gehen. Natürlich kann immer etwas schief gehen. Aber sich auf den Weg zu machen, ein Produkt zu entwickeln, dessen Wirkung man unmittelbar spürt – und zu erleben, dass es tatsächlich gekauft wird – ist ein großartiges Gefühl.

Wie habt ihr die erste Produktions- und Markteintrittsphase finanziert – etwa durch Förderprogramme, Eigenmittel oder externe Investoren?

Vincent Glomm: Die ersten Schritte sind wir mit dem Gründungsstipendium NRW gegangen, das unseren Lebensunterhalt in der Anfangsphase gesichert hat, ergänzt durch eigene Ersparnisse. Mit der Entscheidung, in eine Spritzgussform zu investieren, haben wir zusätzlich einen Gründungskredit der NRW Bank in Anspruch genommen. Da wir mit einem physischen Produkt kein klassischer Venture-Capital-Case sind, haben wir uns bewusst entschieden, unseren eigenen Weg zu gehen und das Unternehmen nachhaltig und eigenständig aufzubauen. Durch die Gründung der GmbH aus eigenen Ersparnissen und mit Unterstützung unserer Familien ist schließlich MAJI Office Solutions entstanden.

 

Erfolge und Zukunft

Gab es einen Moment oder ein Feedback, das euch gezeigt hat, dass euer Produkt einen echten Bedarf trifft?

Vincent Glomm: Ja, sogar einige. Ein besonderer Moment war in einem Pop-up-Store, bei dem wir zunächst skeptische Blicke geerntet haben. Das „paddo“ lässt sich nicht sofort mit bestehenden Produkten vergleichen und ist erklärungsbedürftig. Doch sobald Menschen es ausprobiert haben, hat sich die Reaktion oft komplett verändert: Die Augen haben geleuchtet – und das Produkt wurde direkt gekauft. Das war für uns ein starkes Signal, dass wir einen echten Bedarf treffen.

Sehr berührend sind auch die Rückmeldungen von Kundinnen und Kunden, die uns schreiben, wofür sie das „paddo nutzen“ – oft auf ganz kreative Weise – und dass es ihnen spürbar hilft. Ein Kunde aus Spanien nutzt es beispielsweise tagsüber am Schreibtisch und nachts als Kissen zwischen den Knien. Solche Rückmeldungen zeigen uns, wie vielseitig das Produkt eingesetzt wird – und wir lernen selbst immer noch dazu.

Dass wir zudem regionaler Partner einer Krankenkasse sind, bestätigt uns zusätzlich, dass wir ein relevantes gesundheitliches Thema adressieren.

Wie wollt ihr MAJI Office in den kommenden drei bis fünf Jahren weiterentwickeln – plant ihr zusätzliche Produkte oder neue Märkte?

Vincent Glomm: Der Markt wandelt sich stark – weg von reaktiven Maßnahmen hin zu einer proaktiven Infrastruktur. So rückt beispielsweise das Thema Prävention bei den Krankenkassen stärker in den Vordergrund. Unsere Nullserie (ca. 100 Stück) ist komplett ausverkauft. Wir arbeiten gerade an einem etwas veränderten Design und bereiten die nächste Produktcharge vor. In den kommenden Jahren wollen wir unsere Marke „office2go“ mit Leben füllen, so dass man überall stilvoll und gesund arbeiten kann. Für ein neues Bundle haben wir schon ein Konzept, das ich aber hier noch nicht verraten kann. Es wird auch ein „Big paddo“ geben, das noch großflächiger unterstützt. Zudem planen wir smarte Add-ons, mit denen sich das paddo ganz individuell an die eigenen Bedürfnisse anpassen lässt: Eine Wärmefunktion zur tieferen Muskelentspannung, spezielle Faszien-Sleeves für die aktive Regeneration am Schreibtisch und gemütliche Kuschelbezüge. Wir wollen auch unser Service-Angebot ausbauen, da wir geförderte Gesundheitscoachings (aus Physio-Sicht) in Ostwestfalen-Lippe anbieten können.

 

Tipps für Gründer

Was war bislang die wichtigste Erkenntnis aus eurem Gründungsprozess?

Vincent Glomm: Es gab einige wichtige Learnings: Entscheidend ist, das Problem der Kundinnen und Kunden zu verstehen und nicht bloß das eigene Produkt zu lieben. Wenn man viel Herzblut in eine Idee investiert, ist man schnell blind für Schwachstellen. Echter Mehrwert entsteht erst, wenn man bereit ist zuzuhören und das Produkt konsequent an den Bedürfnissen der Zielgruppe auszurichten. Genau dadurch hat sich das „paddo“ im Laufe der Zeit stark weiterentwickelt. Wir haben gelernt, konstruktives, kritisches Feedback nicht als Angriff zu verstehen, sondern als unsere wertvollste Ressource – und als größte Chance zur Verbesserung.
 

Welche Ratschläge würdet ihr anderen Gründerinnen und Gründern mitgeben, die ein physisches Produkt auf den Markt bringen möchten?

Vincent Glomm: Mein wichtigster Ratschlag: Sprecht so früh wie möglich über euer Vorhaben! Gerade bei physischen Produkten neigt man dazu, lange zu warten, bis jedes Detail perfekt ist – und bringt das Produkt dadurch oft erst sehr spät auf den Markt. Aber nicht jeder Prototyp muss sofort teuer und aufwendig gefertigt werden. Oft reichen zu Beginn einfachste Mittel, um eine Idee gut greifbar zu machen und zu testen.

Es gibt diesen wunderbaren Satz aus der Start-up-Welt von Reid Hoffman, dem Mitgründer von LinkedIn, den ich absolut unterschreibe: „Wenn man sich nicht für die erste Version seines Produkts schämt, ist man zu spät damit rausgegangen.“ Wartet nicht auf Perfektion. Geht früh nach draußen, zeigt eure noch unfertigen Ideen - und lasst echtes Kundenfeedback euer Produkt weiterentwickeln.

 

Weitere Informationen:

MAJI Office Solutions GmbH